Hintergrund & Berliner Kontext, Jan Kilian Böttcher (geboren in Ost-Berlin) ist ein Chronist des Wandels. Seine Kindheit im ehemaligen Ost-Berlin und die darauffolgende kulturelle Explosion der sich rasant transformierenden Stadt prägen seine Bildsprache. Frühe Einflüsse aus der Streetart entwickelten sich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem urbanen Raum und sozialen Systemen.
Werdegang & Multidisziplinarität Sein Weg zur bildenden Kunst war ein Prozess der Fokus-Schärfung: Ursprünglich mit dem Ziel, Musik zu machen, experimentierte er früh mit Film, Schrift und Ton. „Nach zwei Jahren wurde mir klar: Wenn ich bestimmte Ziele erreichen will, muss ich mich auf eine Disziplin konzentrieren – Popstar werde ich später.“ Nach dem Grundstudium an der Bauhaus-Universität Weimar absolvierte er sein Diplom und den Meisterschüler bei Martin Honert an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) Dresden. Seine Erfahrung in der Arbeit mit Menschen prägt sein Werk bis heute als geschulter Blick für zwischenmenschliche Nuancen.
Künstlerische Position: Systemanalyse oder Parodie? In seiner Arbeit setzt sich Böttcher tiefgreifend mit Individuen und gesellschaftlichen Zuständen auseinander. Seine installationsgebundene Malerei, Zeichnungen und digitale Kunst reflektieren Themen wie Soziologie, Mythologie und Systemkritik sowie die Spannungsfelder von Status, Macht und Freizeit. Die Einordnung bleibt dabei bewusst in der Schwebe: Handelt es sich um eine sachliche Analyse oder eine subtile Parodie? Sein Leitprinzip bleibt eine Frage der Perspektive: „Jeder hat seinen eigenen Blickwinkel. Wenn ich Dinge verzerrt darstelle, ist mir wohl die Brille verrutscht.“
Text — Julia Cortez
Ausgewählte Ausstellungen
• Albertinum – Kunstmuseum Dresden
• Akademie der Künste, Berlin
• DOX Centre for Contemporary Art, Prag
• Neues Museum Weimar
• Festspielhaus Hellerau
Bio (English/Deutsch)
Focus & Observation
Background & Berlin Context, Jan K. Böttcher (born in East Berlin) is a chronicler of change. His childhood in the former East Berlin and the subsequent cultural explosion of a rapidly transforming city define his visual language. Early influences from graffiti evolved into an intensive exploration of urban space and social systems.
Career & Multidisciplinarity His path to the visual arts was a process of sharpening focus: initially aiming to make professional music, he experimented early on with film, writing, and sound. “After two years, I realized that if I wanted to achieve certain goals, I had to concentrate on one discipline – I’ll be a pop star later.” Following his undergraduate studies at Bauhaus University Weimar, he completed his diploma and master’s degree (Meisterschüler) under Martin Honert at the Dresden Academy of Fine Arts (HfBK). His experience working with people continues to inform his work today as a keen eye for interpersonal nuances.
Artistic Position: Systems Analysis or Parody? In his work, Böttcher engages deeply with individuals and social conditions. His installation-based painting, drawings, and digital art reflect on themes such as sociology, mythology, and system critique, as well as the tensions of status, power, and leisure. The classification often remains deliberately in flux: is it a factual analysis or a subtle parody? His guiding principle remains one of perspective: “Everyone has their own point of view. If I depict things in a distorted way, my glasses have probably slipped.”
Text — Julia Cortez
Selected Exhibitions
• Albertinum – Kunstmuseum Dresden
• Akademie der Künste, Berlin
• DOX Centre for Contemporary Art, Prague
• Neues Museum Weimar
• Festspielhaus Hellerau
Non Fictional / In Natura/Zeichnungen
Grautöne gealterter, körniger Schwarzweißfotografien, Überbelichtung und Formen des Hervorhebens prägen meine Arbeit. Hier finde ich Verbindungen zwischen Abstraktion und Gegenstand. Die Freiluftarbeiten entstehen fast ausschließlich im direkten Gegenüber zur Natur, in kleinen bis großen Formaten. Farbe, Form und Bildinhalt begreife ich als Einheit: Komposition.
Ich finde singuläre Formen, Bilder, Stimmungen und Koinzidenzen – häufig in Landschaften, Orten oder beiläufigen Arrangements. Konstellationen, die wie gesampelt wirken, ohne es zu sein. Diese Zufälle bringen immer neue Variationen hervor, aus denen ich auf dem Weg zu für mich gültigen Bildformeln Ausschnitte sichtbar mache.
Ist es die Suche nach dem Essentiellen, die Kunst mit Schönheit verbindet?
Ich erfasse diese Ausschnitte, wie ich sie vorfinde, ohne sie zu konservieren, und verbinde sie mit dem leeren, freistehenden Malgrund. Im Gegensatz zur Fotografie arbeite ich mit Ausschnitten im Ausschnitt. So lenke ich den Blick über das Motiv hinaus in das weiß bleibende, rahmenlose Umfeld – und zurück.
Meine Kompositionen erweitern durch die Formen der Ausschnitte das Bildformat, nehmen es auf und verändern es. Dieses Spiel mit Bildformaten und Bildausschnitten ermöglicht eine Konzentration auf das Essentielle.
Ich möchte, dass sich die Arbeiten – auch in der Natur – als visuell eigenständige Wesen behaupten: wie Zellen, semipermeabel, halb durchlässig und zugleich in sich geschlossen.
Non Fictional / In Natura/Drawings
Shades of aged, grainy black-and-white photographs, overexposure, and ways of highlighting shape my work. Here, I find connections between abstraction and object. The outdoor works are created almost exclusively in direct encounter with nature, in formats ranging from small to large. Color, form, and image content are understood as one: composition.
I find singular forms, images, moods, and coincidences—often in landscapes, places, or incidental arrangements. Constellations that appear sampled without actually being so. These chance encounters continuously produce new variations, from which I make fragments visible on my way toward image formulas that feel valid to me.
Is it the search for the essential that connects art with beauty?
I capture these fragments as I find them, without preserving them, and connect them to the empty, freestanding painting surface. In contrast to photography, I work with excerpts within excerpts. In this way, the gaze is guided beyond the motif into the white, frameless surrounding space—and back again.
Through the shapes of these excerpts, my compositions expand the image format, take it in, and modify it. This play with formats and image fragments allows a focus on the essential.
I want the works—also in nature—to assert themselves as visually independent entities: like cells, semi-permeable, partially open and at the same time self-contained.
Non-Fictional / Humanoids – Entstehung Humanoider Freunde
Diese Portraits entstehen unterwegs und ohne fotografische Hilfsmittel. Viele Künstler würden fotografische Vorlagen benutzen, doch oft führt die Verwendung zu unabsichtlich sterilen Bildern, Abbilder, die der Vorlage in Genauigkeit, Intensität oder Authentizität nachstehen. Gerhardt Richter hat dies als Stilmittel benutzt und bei wenigen Künstlerinnen und Künstlern um die Jahrhundertwende, die für Authentizität stehen wie Edvard Munch, Anders Zorn und Degas, fällt es oft nicht auf. Im Grunde wurden Bilder schon immer mit Hilfe vieler technischer Hilfsmittel erschaffen. Die direkte Wiedergabe verleiht den Arbeiten Dynamik. Jede Linie kann ihr Ziel verfehlen – und diese Fehler stehen für sich, zwischen Meditation und Kampf.
Fotografie und Film beeinflussen meine Arbeit dennoch stark, insbesondere durch Künstlerinnen und Künstler wie Diane Arbus, Luis Buñuel, August Sander oder Eadweard Muybridge. Technisch minderwertige, alte Schwarz-Weiß-Fotos – wie die von Miroslav Tichý – bergen für mich die schönsten chemischen Explosionen in ihren Körnungen. Während Fotografie und Film aus Licht entstehen, arbeitet Malerei mit Materie. Aber theoretisch lässt sich Materie in Licht umwandeln, wenn die eingesetzte Energie mindestens so groß ist wie die Masse der neuen Teilchen.
Unter Malerinnen und Malern sowie Zeichnerinnen und Zeichnern fällt mir dies vor allem bei Adolph von Menzel auf. Sie schöpfen aus jedem Medium und jeder Technik das absolut Machbare entsprechend ihrer Vision.
Ich bezeichne die neuen Partikel als 'Entstehung Humanoider Freunde' – nachgeahmte menschenähnliche Figuren aus Lehm, neue Freundinnen und Freunde, ähnlich einem Homunkulus. Die persönliche Perspektive ist mir dabei genauso wichtig wie eine außerirdische Sichtweise oder wissenschaftliche Distanz.
Non-Fictional – Physiognomie
Ich glaube nicht an Physiognomik – die Lehre, aus Gesichtszügen Charaktereigenschaften abzuleiten. Für mich stehen sachliche Aspekte und formelle Lösungen im Vordergrund. Alterungsprozesse sind ebenso spannend wie plastische Chirurgie.
Der Naturforscher Francis Galton entdeckte 1878 bei einer Studie an bekannten Verbrechern, dass fototechnisch überlagerte „gemittelte Gesichter“ attraktiver wirken. Auch Kant und Darwin sahen Schönheit im Mittelmaß, während neuere Studien nahelegen, dass bestimmte Abweichungen vom Mittelmaß die Anziehungskraft steigern.
Mich fasziniert, wie schwer sich selbst grobe oberflächliche Abweichungen wiedergeben lassen. Jedes Gesicht, jeder Konstitutionstyp spricht eine eigene Formensprache. An diese koppel ich den Duktus der Linien und die Ausführung der Zeichnung. So entsteht von Blatt zu Blatt ein gleichmäßiger Fächer uneinheitlicher Stile.
Non-Fictional – The Creation of Humanoid Friends
These portraits are created on the go, without the use of photographic references. Many artists rely on such references, but their use often produces unintentionally sterile images—representations that fall short of the original in accuracy, intensity, or authenticity. Gerhard Richter employed this as a stylistic device, and with a few artists around the turn of the century, known for their authenticity, such as Edvard Munch, Anders Zorn, and Degas, it often goes unnoticed. Essentially, images have always been created with the help of technical tools. Direct methods, however, infuse the works with dynamism. Each line can miss its mark—and these “failures” stand on their own, somewhere between meditation and struggle.
Photography and film still strongly influence my work, particularly through artists such as Diane Arbus, Luis Buñuel, August Sander, and Eadweard Muybridge. Technically imperfect, old black-and-white photos—like those by Miroslav Tichý—hold, for me, the most beautiful chemical explosions within their grains. While photography and film are based on light, painting works with matter. Theoretically, matter can even be transformed into light if the energy applied is at least equal to the mass of the new particles.
Among painters and artists who draw, I am particularly struck by Adolph von Menzel: he drew from every medium and technique to achieve the full potential of his vision.
I refer to the new particles as “Creation of Humanoid Friends”—imitated humanoid figures in clay, new companions, akin to a homunculus. Personal perspective is as important to me as an extraterrestrial viewpoint or scientific distance.
I do not believe in physiognomy—the idea of deducing character traits from facial features. For me, factual aspects and formal solutions take precedence. Aging processes are as fascinating as plastic surgery.
The naturalist Francis Galton discovered in 1878, during a study of known criminals in which he superimposed their faces photographically, that “averaged faces” appeared more attractive. Kant and Darwin also located beauty in moderation, whereas newer studies suggest that certain deviations from the norm increase attractiveness.
I am fascinated by how difficult it is to capture even rough, surface-level deviations. Each face, each constitution, speaks its own visual language. I link the style of lines and the execution of each drawing to these traits, resulting in a consistent spectrum of disparate styles from sheet to sheet.
Diese Werkgruppe bildet den Gegenpol zu meinen naturbezogenen Arbeiten.
Statt Beobachtung und direkter Begegnung stehen hier Konstruktion, Fragmentierung und Setzung im Vordergrund. Die Arbeiten sind freier, spielerischer, teils experimentell, abstrakt oder bewusst banal.
Fiktion verstehe ich dabei nicht als Gegenentwurf zur Wirklichkeit, sondern als Filter: eine Möglichkeit, komplexe gesellschaftliche, kulturelle und persönliche Themen zu ordnen, zu schützen und neu zu verknüpfen. Humor spielt dabei eine zentrale Rolle – nicht als Verharmlosung, sondern als Methode der Distanzierung und Erkenntnis.
White Rooms
Die Serie White Rooms besteht aus Arbeiten, die entweder spontan aus figurativen Gegenüberstellungen entstehen oder aus solchen, denen umfangreiche Recherchen zu gesellschaftlichen Strukturen vorausgehen.
Ein Werk wie Salome entsteht impulsiv, inspiriert durch Filme und Lektüre. Komplexere Arbeiten wie A Short History of Violence entwickeln sich hingegen aus zahlreichen Ideenskizzen, Recherchen und Vorstudien.
Aus diesen Prozessen entstehen Skizzen und Szenen exemplarischer Einzelbilder – ohne Anspruch auf Objektivität oder eindeutige Lesbarkeit. Statt Deutungshoheit spiele ich Lesearten und Sehgewohnheiten gegeneinander aus, zwischen Lesbarkeit und Unlesbarkeit, anhand fragmentarischer Artefakte meiner Vorstudien.
Dennoch verfolge ich eine aufklärerische Idee: mir selbst und den Betrachtenden eine mögliche Neuordnung der Dinge zu eröffnen.
In der Kunst wird häufig etwas aus seinem Kontext gelöst und abstrahiert. Ähnlich funktioniert unsere selektive Wahrnehmung, die jenseits von Objektivität einer vergleichbaren – mitunter dysfunktionalen – Logik folgt.
Weiße Räume erlauben es, spielerisch mit Objekt und Subjekt in vielfältigen Codierungen zu arbeiten. Diese Codes können abstrahieren, präzisieren oder relativieren. Sie entstehen aus der Nachbarschaft der im Bild gesetzten Elemente – wie eine Art Bild- oder Hieroglyphenschrift.
Ich arbeite mit Aufzählungen, Wiederholungen, Verwechslungen und Gegenüberstellungen. Dabei nutze ich unterschiedliche Stile: Bilderschrift, Sachbuch- und Comicillustration, klassische und moderne Techniken, Zeichnung und Gebrauchsgraphik.
Die zugrunde liegenden Recherchen kreisen um Themen wie Popkultur, Gesellschaftspolitik, Philosophie, Alltags- und Mythologie, Soziologie, Kunstgeschichte, Evolution und Lifestyle. Daraus entstehen teils Essays, die – ähnlich wie die Bilder – einen spielerischen Bogen spannen.
Die häufig verwendeten Spektralfarben der Serie basieren auf Prismen und einer Camera Obscura, die ich mit meinem Schlafzimmerfenster gebaut habe. Sie projizierte ein etwa einen Quadratmeter großes Abbild der belebten Straße auf meine Wand.
Grid Images / Rasterbilder
Hinter den Rastern tritt die weiße Fläche des Malgrunds hervor, während das ursprüngliche Bild zurückweicht. Das Motiv wird zerstört und zugleich neu angeordnet.
Die Raster erinnern an den Vorhang in der klassischen Malerei, der dem Bild einen zweiten Rahmen verleiht. Das Sujet wird abgegrenzt, betont und gleichzeitig fragmentiert.
Eine Idee wird entfremdet, sobald sie materialisiert ist. Durch das Rastern bleibt zunächst unklar, wie das Bild letztlich wirken wird. Dennoch nimmt diese Entfremdung eine strukturierte Form an.
Herbert von Karajan sagte: „Wer die Form zerstört, beschädigt auch den Inhalt.“
Ich verknüpfe Variationen von Form und Inhalt neu miteinander – so lange, bis beide einer Idee entsprechen, die auf der ursprünglichen basiert und mich zugleich überrascht.
Exkurs: Geschichten aus dem Alltagsgebrauch
Irgendwann wird man sich der Vergänglichkeit der eigenen Zeit bewusst
und stellt dennoch die merkwürdigsten Dinge an.
Bei allem Ernst befördert die Gegenwart von Tod und Vergänglichkeit –
wenn auch verdrängt – eine Kultur des Spaßes.
Stressgesellschaft und Spaßgesellschaft fordern einander heraus
und bedingen sich gegenseitig.
Ernst ist dabei meist ebenso angebracht wie unberechtigt.
So sind wir den Banalitäten zu großem Dank verpflichtet.
Kennen Sie eine Alternative zu Spaß?
Ich kenne keine zu Ernst.
War nur Spaß.
Fictional Drawings and Paintings
This body of work forms a counterpoint to my nature-based practice.
Instead of observation and direct encounter, construction, fragmentation, and deliberate placement take center stage. The works are freer, more playful, at times experimental, abstract, or deliberately banal.
Here, fiction is not an escape from reality but a filter—a way to organize, protect, and recombine complex social, cultural, and personal themes. Humor plays a central role, not as simplification, but as a strategy of distance and understanding.
White Rooms
The series White Rooms consists of works that emerge either spontaneously from figurative juxtapositions or from processes preceded by extensive research into social structures.
A work such as Salome developed intuitively, inspired by films and reading. More complex images like A Short History of Violence are formed through numerous sketches, research materials, and preliminary studies.
From these processes, sketches and scenes of exemplary single images emerge—without any claim to objectivity or clear readability. Rather than asserting interpretive authority, I play with ways of reading and habits of perception, balancing readability and unreadability through fragment-based artifacts of my preparatory work.
Nevertheless, I follow an educational impulse: to open up a possible reordering of things—for myself and for the viewer.
In art, elements are often removed from their original context and abstracted. Our selective perception works in a similar way, operating beyond objectivity and following a comparable—sometimes dysfunctional—logic.
White rooms allow for a playful handling of object and subject through multiple systems of coding. These codes can abstract, sharpen, or relativize meaning. They arise from the juxtaposition of elements within the image, forming something like a visual or hieroglyphic script.
I work with enumeration, repetition, confusion, and juxtaposition, using styles such as pictorial writing, textbook and comic illustration, classical and contemporary techniques, drawing, and applied graphics.
The underlying research engages with themes such as popular culture, social politics, philosophy, everyday mythology, sociology, art history, evolution, and lifestyle. From this process, essays occasionally emerge that—like the images themselves—span a playful arc.
The frequently used spectral colors in this series are based on prisms and a camera obscura that I built using my bedroom window. It projected an image of the lively street—approximately one square meter in size—onto my wall.
Grid Images
Behind the grids, the white surface of the canvas emerges while the original image recedes. The motif is destroyed and simultaneously reorganized.
The grids resemble the curtain in classical painting, giving the image a second frame. The subject is defined, emphasized, and fragmented at the same time.
An idea becomes alienated once it is materialized. Through the process of gridding, it initially remains unclear how the final image will appear. Yet the alienation of the idea takes on a structured form.
Herbert von Karajan once said: “Whoever destroys form also damages content.”
I reconnect variations of form and content until both correspond to an idea rooted in the original—and manage to surprise me.
Everyday Stories
At some point, one becomes aware of the finiteness of one’s time
and still ends up doing the strangest things.
For all its seriousness, the presence of death and impermanence—
even when suppressed—feeds a culture of fun.
The stress society calls for a fun society,
and vice versa.
Seriousness is often as justified as it is unjustified.
For this reason, we owe a great deal to banality.
Do you know an alternative to fun?
I know none to seriousness.
Just kidding.
2016 Kurator Marcel Fišer / Ausstellung Nadosah
Der Rückgriff auf die Malerei der alten Meister hat in der deutschen modernen Kunst eine starke Tradition, die von George Grosz und Otto Dix bis zu den Arbeiten der Leipziger Schule reicht. Diese Linie eines narrativen Realismus, in dem sich die soziale Thematik mit grotesken und fantastischen Elementen verbindet greift Jan Kilian Böttcher auf, indem er die dem Realismus oft eigene Komik und Symbolik freistellt, reflektiert er dessen Geschichte gleichwohl kritisch.
Die Szenen in seinen Bildern erinnern teils an Rituale, in denen rätselhafte Objekte oder nichtmaterielle Erscheinungen in die moderne Realität eingefügt werden.
2013 Pavel Vancat / Startpointprize / Dox Gallery Prag
The paintings of Jan Kilian Böttcher are a playful attempt at “traditional” images, with an awareness of their own exaggeration and vanity, returning (often as parody) to postwar neo-realism in terms of their ambiguous sense
of engagement, ironically transplanted into the current situation of post-communist Germany.
Allusions to classical mythological themes are interspersed with Communist ideology and punk earthiness,
only to finally reveal the comics-derived basis of the cycle, with the last image hidden behind the heating unit next to the fire extinguisher. It is a painting that possesses a quality of directness, not as an autotelic attempt,
but as a confident and entertaining narrative.
Digital Art
Jan Kilian Böttchers digitale Kunstwerke vereinen bildhafte Beobachtungen und Computerkunst auf überraschende Weise mit der klassischen Kunsttradition. Dabei liegt der Reiz im bis ins Detail erlebten und durchdachten, im Handwerk und Experimentieren, fernab von Copy and Paste oder Künstlicher Intelligenz. Humorvoll und visuell präzise reflektiert er soziale und systemkritische Themen auf eine subtile und dennoch wirkungsvolle Weise. Die fast glamourösen Werke laden dazu ein, ihre facettenreichen Bedeutungen und unser digitales Zeitalter mit einem erfrischenden Blick zu betrachten, während Jan Böttcher Variationen von Ästhetik und menschlichem Verhalten beleuchtet.
Dabei erforscht er verschiedene Medien wie Computerkunst, Malerei, Zeichnung, Musik und Film, hinterfragt diese und erkundet ihre Grenzen, wodurch rätselhafte Situationen und optisch reizvolle Synergien entstehen.
Pixel Art
Inspiriert von der reichen Tradition der Pixel Kunst, die auf eine faszinierende Geschichte zurückblickt, eröffnet Böttcher nicht nur neue Perspektiven, sondern integriert auch sowohl neue moderne als auch altbekannte Archetypen. Die Ursprünge der Pixel Art reichen in die frühe Ära der digitalen Kunst zurück, als begrenzte technologische Ressourcen Künstler dazu zwangen, mit winzigen Bildpunkten (Pixeln) zu arbeiten. Diese technische Herausforderung entwickelte sich zu einem kreativen Ausdrucksmittel, das die Entfaltung eines einzigartigen visuellen Stils förderte.
In einer Zeit, in der Pixel Art nicht nur als technische Notwendigkeit, sondern als kunsthistorisches Erbe betrachtet wird, gelingt es Böttcher, durch seine Werke nicht nur die Tradition zu ehren, sondern auch neue narrative Dimensionen zu erschaffen. Dabei kombiniert er geschickt die Tradition der Pixel Art mit aktuellen Themen.
Diese meisterhafte Verbindung von traditionellen Wurzeln und moderner Ausdrucksform zeugt von einem tiefen Verständnis für die Kunstgeschichte und positioniert Böttcher als digitalen Künstler in einer faszinierenden kreativen Tradition.
Text
Thomas Weidel
Digital Art (English)
Jan Kilian Böttcher's digital artworks skillfully combine visual observations and computer art in a surprising manner with the classical art tradition. The allure lies in the meticulously experienced and thoughtful approach, in craftsmanship and experimentation, far from copy and paste or artificial intelligence. With humor and visual precision, he reflects on social and system-critical themes in a subtle yet impactful way. The almost glamorous works invite viewers to consider their multifaceted meanings and our digital age with a refreshing perspective, as Jan Böttcher illuminates variations of aesthetics and human behaviors.
In doing so, he explores various media such as computer art, painting, drawing, music, and film, questioning them and exploring their limits, giving rise to mysterious situations and visually appealing synergies.
Pixel Art
Inspired by the rich tradition of pixel art, which has a fascinating history, Böttcher not only opens new perspectives but also integrates both new modern and familiar archetypes. The origins of pixel art trace back to the early era of digital art when limited technological resources compelled artists to work with tiny pixels. This technical challenge evolved into a creative means of expression, fostering the development of a unique visual style.
In an era where pixel art is considered not only a technical necessity but also a cultural heritage, Böttcher succeeds in honoring the tradition through his works and creating new narrative dimensions. Skillfully combining the tradition of pixel art with contemporary themes, he navigates through this artistic landscape.
This masterful fusion of traditional roots and modern expression attests to a profound understanding of art history, positioning Böttcher as a digital artist within a captivating creative tradition.
Text
Thomas Weidel
Essays
Acts
Die Acts nähern sich dem Ideal der Tragikomödie, die Erzählfäden spannt und verdichtet, bis diese beim Überkreuzen den Betrachter in einem Moment ertappen, in dem er nicht weiß, ob er lacht oder weint.
Die Ideen entstehen oft beim Entschlüsseln der Mythen des Alltags zwischen unserer Natur und Kultur. Ich verwerte diese Narrative und Evidenzgefühle, ohne sie zu ernst zu nehmen und auch mit dem Anspruch zu unterhalten. Dabei sehe ich das Narrative in der Kunst nicht als Beschränkung, sondern als Mehrwert.
Ich arbeite mit Archetypen gesellschaftspolitischer, mythologischer, popkultureller und kunstgeschichtlicher Kontexte unserer Geschichte. Dafür nutze ich Gegenüberstellungen und Stile klassischer wie moderner Malerei. Wie im Jazz definiere ich einen festen Rahmen, über den ich frei improvisiere. Den oft detailliert ausgearbeiteten Arrangements steht die freie Entfaltung und das Switchen zwischen den Techniken gegenüber.
Vor allem das komische Moment der Tragikomödie ist mir wichtiger Bestandteil einer vielschichtigen Reflexion.
Keingedicht - Ich sage zu mir immer wir (Eine kurze Un-Geschichte weißer Räume)
"In weißen Räumen Gegenstände und Figuren zu platzieren, gleicht dem Moment, in dem ein blinder Passagier andere Passagiere und Gegenstände in der Straßenbahn weiß anstreicht, wodurch diese sich ähnlicher werden."
Nehmen wir an, Sie wären Präsident oder Präsidentin.
Sie sitzen auf dem bequemsten Sessel des Landes, wenn nicht gar der ganzen Welt. (Fühlt sich doch ganz ok. an, oder?) In den letzten 10 Sekunden der Amtszeit möchten wir zufällig ein echt großes Problem endgültig lösen, das außerdem die Probleme unserer Kinder löst. Neben dem bequemsten Sessel wähnen wir uns zufällig ebenfalls im Besitz der besten Minibar des Landes. (Nur eine Info.)
Die zwei Themen, die uns unser Berater oder unsere Beraterin auf den Tisch legt, sind die Watergate-Affäre und die Nipplegate-Affäre (Bei der Nipplegate-Affäre übertrug MTV live, wie Janet Jacksons rechte Brust von Justin Timberlake entblößt wurde. Die Watergate-Affäre war ein Abhörskandal unter Präsident Nixon, an sich nichts Ungewöhnliches und wäre dadurch vermutlich nicht weiter aufgefallen, hätte er sich nicht selbst dabei verwanzt und das Material verschenkt; und hätten seine Ambitionen nicht gegen alle anderen nur denkbaren Nettigkeiten verstoßen).
Welches Thema wählen Sie?
Die Tageszeit und Menge der zur Verfügung stehenden Genussmittel könnten eine Entscheidung beeinflussen. Ist ja auch Stress so ein Job.
Bush und Nixon zum Beispiel waren Alkoholiker oder Alkoholikerinnen (Mehr als die Hälfte der US-Präsidenten litt zufällig unter schwerwiegenden psychischen und physischen Krankheiten oder einer Alkoholsucht, so wie der aktuelle EU-Parlamentspräsident oder die aktuelle EU-Parlamentspräsidentin. Nur eine Info).
Bush überwand die Sucht (etwas später) und trat einer Methodistenkirche bei, spricht eher für Nipple-Problemlösungen.
Wie löst man solche Probleme?
Fragen über Fragen. Denken Sie nur, es gibt viele Menschen, denen die Entscheidung schwerfällt. Natürlich ist das nur ein Fall von vielen, der impliziert, mit der Wirklichkeit etwas zu tun zu haben, was selbstredend nicht der Fall ist, aber darum geht es ja.
In weißen Räumen Gegenstände und Figuren zu platzieren, gleicht dem Moment, in dem ein blinder Passagier andere Passagiere und Gegenstände in der Straßenbahn weiß anstreicht, wodurch diese sich ähnlicher werden.
Das relativiert nicht alles, aber zum Beispiel Hautfarben.
Es gilt historisch als bewiesen, dass sich Politiker und Politikerinnen wesentlich leichter austauschen lassen, wenn man sie zuvor mit weißer Farbe bemalt.
Menschliche Wahrnehmung ist erhaben, sie verschafft jedem Realisten und jeder Realistin Naivität, während das Bewusstsein der eigenen Unkenntnis unheimlich erleichtern kann.
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